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Ohne Auftrag



Bevor ich mich gegen Mittag in den Zug setzte, meldete ich mich telefonisch zu einem knappen Zwischenbericht
bei Rüschenberger.



„Sie sind also auf dem Sprung zu diesem Rehfuß. Aber hören Sie, Herr Raabe, es hat sich für uns in der Sache einiges verändert. Der Auftrag hat sich erledigt. Es könnte sein, dass sich
demnächst die Polizei mit Gerner beschäftigt. Ich hatte Ihnen von diesem
Selbstmord eines jungen Mitarbeiters erzählt. Damals dachte ich, wenn wir
Gerner in der Nähe gehabt hätten, hätten wir diese Panne vermeiden können.
Inzwischen haben die Anverwandten im Nachlass des Jungen Aufzeichnungen
gefunden, aus denen hervorgeht, dass er vorher mindestens ein halbes Jahr
Kontakt zu Gerner hatte – offenbar an jedem Wochenende. Und es sieht so auf,
als sei Gerner nicht ganz unschuldig an diesem Selbstmord. Aber ich bin in der
Sache nur unzureichend informiert. Wie auch immer. Wir, ich meine wir, die
Firma, wir wollen uns da auf keinen Fall ... Sie verstehen? Für uns ist eine
Zusammenarbeit mit Gerner selbstverständlich uninteressant geworden. Auf diesem
Hintergrund.“



Ich fragte , ob man denn inzwischen weiß, wo er sich aufhält, Gerner meine ich.


„Irgendein Kaff in Norddeutschland, Emsland oder Friesland oder so...Warten Sie, hier auf dem
Aktendeckel ist eine Notiz. Wehhagen, steht da. Gerner scheint dem armen Jungen
systematisch den Boden unter den Füßen weggezogen zu haben. Am Schluss hat er
ihn wohl weggeschickt. Für uns hat sich die Geschichte mit Gerner erledigt,
Herr Rabbe. Wir kommen sicherlich noch mal in einer anderen Sache zueinander.“



Ich hasse es, wenn ich beim Suchen plötzlich weg von der Spur gerissen werde. Vielleicht war ich als Detektiv gar keine so schlecht Besetzung. Ich spürte deutlich, dass ich den
Geruch von Gerner nicht mehr aus der Nase bekäme, wenn ich ihn nicht irgendwann
selbst besichtigen würde. Also Wehhaben. Mit meinem Detektivspiel hatte das
nichts mehr zu tun. Es war etwas anderes: Ich wollte Gerner über die Liebe
reden hören.



Gegen die Kopfschmerzen, die mich verrückt machten, hatte ich zwei Tabletten geschluckt. Der Schienenrhythmus schob mich langsam in den Schlaf wie in eine enge Röhre. Als
ich wieder zu mir kam, schlug ein heftiger Regen an die Scheibe. Das Wasser
strömte am oberen Fenster vorbei. Die Landschaft wurde nach Osnabrück immer
flacher. Ich musste mehrmals umsteigen, bis ich schließlich die letzten zwanzig
Kilometer in einem Bummelzug saß, der uns, Ort für Ort, Dorf für Dorf mit
vielen Unterbrechungen bis ans Ende dieses schier unendlichen Schienenstrangs
durchrüttelte. Außer mir saßen eine junge Frau und ein Blinder mit Hund im
Wagen.



Dann Wehhagen, raus in den Regen. Der Wirt im „Posthorn“ hatte den Namen „Gerner“ noch nie gehört. Die beiden Türken in der Ecke zuckten ebenfalls mit den Schultern. Allerdings wurde ich problemlos im Telefonbuch fündig, das mir der Wirt über den Tresen reichte.
Am Telefon meldete sich die Stimme eines jungen Mannes. Ich sagte ihm, dass ich
unbedingt mit Gerner sprechen müsste, heute oder in den nächsten Tagen. Ich
würde mir hier im Ort ein Zimmer nehmen.



Am anderen Ende der Leitung wurde offenbar gestritten. Ich hörte eine Frauenstimme, die ich nicht verstehen konnte.


„Wo sind Sie zurzeit? Ich hole Sie mit dem Wagen. Sie können bei uns übernachten.“


Okay, in der Zwischenzeit Jägerschnitzel mit Pommes frites. Es dauerte eine ganze Weile, bis die Tür aufging und jemand mit Schirm und langem Lodenmantel eine riesige Regenpfütze
ins Lokal trug.



„Rehfuß. Johann Rehfuß ist mein Name.“ Der von Gerner verbannte Selbstmordkandidat
Rehfuß. Er trug einen grauschwarzen langen Mantel und auf dem Kopf eine
dunkelblaue Baskenmütze. Sah aus wie ein Kaplan. Ich war auf der Wallfahrt zu
einem seltsamen Heiligen, der über die Liebe spricht. Gerner. Ich dachte an
Sylvi, wie sie den Morgen stumm neben ihren leeren Flaschen verbringen würde.
Was war das für ein Mensch, hinter dem ich her war? Sein Name allein hatte
genügt, um Sylvi auch nach Jahren voller Enttäuschung noch in Flammen zu
setzen.



„Herr Raabe, sagten Sie? Ich vermute, Sie sind Journalist? Ich sehe das gleich. Ich weiß nicht, ob er mit Ihnen sprechen wird. Es geht ihm sehr schlecht. Aber kommen Sie, wir fahren
erst mal zu uns raus.“



Ich hatte während des Essens die ganze Zeit darüber nachgedacht, als was ich mit bei Gerner einführen sollte. Das war natürlich die Lösung: Journalist. Rehfuß schien keinen Wert auf eine ausdrückliche Bestätigung seiner Vermutung zu legen.


„Lassen Sie sich Zeit. Sehen Sie, er ist ein großer Mann. Ein wunderbarer Mann. Sie werden das selbst spüren, falls Sie ihn sehen, oder wenn er vielleicht zu Ihnen sprechen wird.
Aber es ist nun mit seiner Krankheit natürlich nicht mehr so leicht. Es war nie
leicht, ihn zu verstehen. Aber das Glück, in seiner Nähe zu leben, war doch ...
unvergleichlich. Ihn hören. Manchmal, wenn er zu uns spricht, ist es auch heute
noch wie eine Ahnung ..., wie eine Ahnung, ein bisschen immer noch wie damals,
als er... Oh, nein, verstehen Sie mich nicht falsch. Er ist immer noch ein...
Zauberer.“


„Er ist krank, sagten Sie?“ Ich dachte an den Rollstuhl. „Ich habe Bilder von ihm gesehen im Rollstuhl“


„Ja, ja, natürlich. Aber damals ging es ihm ja noch gut. Er hat schon lange keinen Fotoapparat mehr in seiner Nähe erlaubt. Wenn Sie eine Kamera dabei haben, muss ich Sie bitten...“



Vor der Tür hatte er einen uralten Mercedes-Diesel stehen, mit dem er mich durch den dichten Regen zu Gerner bringen wollte. Wir fuhren über den Ort mit seinen Lichtern hinaus ins Finstere.


„Sie werden über ihn schreiben. Das ist besser. Ich dachte, ich müsste das tun. Ich habe früher selbst geschrieben. Nicht als Journalist, ich meine literarische Sachen. Das eine oder
andere, wahrscheinlich gar nicht so schlecht. Aber er war immer unzufrieden. Er
schrieb ja seinerzeit auch selbst noch Gedichte. Er wollte Vollkommenheit. Bei
ihm hatte ich keine Chance. Sein Geist, seine Wahrnehmungsfähigkeit, sein Gefühl
für Form. Er war unbestechlich. Manchmal brachte er mich zur Verzweiflung. Ich
bin auch schon weggegangen. Einfach von ihm weg. Vielmehr er hat mich
weggejagt. Aber Sie sehen ja, dass ich wieder da bin. Er könnte, glaube ich,
nicht mehr ohne mich leben.“ Rehfuß lachte noch nachträglich über seine
damalige Kühnheit.



„Ja wirklich, schreiben Sie über ihn. Ich selbst bekomme keine zwei Sätze mehr zu Papier. Er hat mir seine Augen eingepflanzt, seinen kritischen Blick. Noch bevor ich einen Satz niedergeschrieben habe, habe ich ihn schon zweimal durchgestrichen. Ich weiß nicht, ob Sie sich das vorstellen können, dieses unbedingte Gefühl für das Vollkommene.“



Meine Spannung war weiter gewachsen, als wir auf dem Hof eines Bauernhausesyes""> anhielten. Die Tür wurde schwach von einer schmutzigen Lampe beleuchtet. Rehfuß führte mich ins Haus, wo er sich von seinem durchnässten Mantel und der triefenden Baskenmütze befreite. Darunter trug er eine Bluse mit indischen Stickereien.


„Hier leben wir. Unser Hof. Er hat ja damals als psychologischer Berater in der Wirtschaft eine Menge Geld rangeschafft. Sich verkauft. Aber das ist jetzt vorbei. Ich mache mit Dorle den
Garten. Das Land besteht aus Wiesen und Moor. Dorle, Sie werden sie
kennenlernen. Natürlich müssen Sie eine Zeit lang hier bleiben, wenn Sie über
ihn schreiben wollen. Sie werden sich bestimmt wohlfühlen.“





Seele zu Hackbällchen gerollt



„Sie werden sich bestimmt wohlfühlen“ hatte Rehfuß gesagt. Ich hatte keine Ahnung, wie das
werden sollte. Immerhin hatte Rehfuß mir klargemacht, was er von mir erwartete:
So eine Art Heiligenlegende von Gerner. „Gerner, der große Mann im Moor“ oder
so. Das Letzte, was ich schriftlich von mir gegeben habe, war der
Observierungsbericht in Sachen Rüschenberger und Frau. Als Taxifahrer hatte ich
natürlich jede Menge Quittungen ausgestellt. Ich hatte keine Ahnung, wie ich
meine Rolle als Journalist hier über die Bühne bringen sollte. Vor allem wollte
ich keine Wurzeln schlagen in diesem Haus.



„Hier ist das Gästezimmer. Ruhen Sie sich ein bisschen aus. Ich will sehen, ob Gerner schon heute Abend für Sie Zeit hat. Ich meine für eine kurze Begrüßung. Vielleicht.“


Die Zeit, die Rehfuß mir gelassen hatte, versuchte ich zu nutzen, um mich auf meine Rolle vorzubereiten. Ich saß auf dem alten Sofa, das in der Stube stand und versuchte, mir Fragen
für so eine Art Interview auszudenken. Ich konnte ihn zu seiner Biographie
befragen. Auf seine Erfahrungen im Bereich der Industrie ansprechen. Ich musste
irgendwie ins Zentrum von Gerners Denken kommen ..., dass er seine Erkenntnisse
auf den Punkt bringt. „Wie haben Sie es immer wieder geschafft, aus Menschen hündische Kreaturen zu machen?“ So zum Beispiel? Natürlich nicht so. „Herr Gerner, verraten Sie unseren Lesern doch bitte das Geheimnis Ihres Erfolgs?“ Unsinn, zu platt. Aber sollte ich ihn
wirklich bitten, über die Liebe zu sprechen?



Über die Liebe? Wenn ich an Sylvi dachte, hatte ich in Gerner ein Monstrum an Rücksichtslosigkeit und Egoismus vor Augen. Meine Gedanken gingen wirr durcheinander und gerieten mir immer mehr ins Phantastische. Ich sah in meiner Phantasie einen großen,
weißgekleideten Herrn mit grauweißem Bart um die Lippen, der mich an einen
Frauenarzt oder den lieben Gott erinnerte. An seiner linken blitzte ein roter
Stein, und seine Stimme... Ich weiß nicht, ich merkte, dass ich nicht die
geringste Vorstellung von seiner Stimme hatte.



Es war, glaube ich, schon ziemlich spät, als ich vor der Tür Geräusche hörte. Ich lauschte. Ich hörte Schritte und einen knarrenden Rollstuhl auf der Diele. Fast gleichzeitig mit
einem kurzen Anklopfen stieß Rehfuß die Tür auf. Er bemühte sich, den schweren
Rollstuhl über die Türschwelle zu bringen.


Ja, sicherlich, das war Gerner. Ich kannte das Gesicht ja von Sylvis Fotos. Aber er war kaum wiederzuerkennen. Was ich sah, war das Gespenst von Gerner, in eine braune Wolldecke gehüllt. Ich wusste nicht, wohin ich schauen sollte und konnte doch meinen Blick nicht
losbekommen von dieser Mumie aus Haut und Knochen.



„Andreas, dies ist Herr Raabe, von dem ich Dir vorhin erzählt habe. Ein Journalist, der über Dich schreiben will. Vielleicht wird er ein Buch über Dich schreiben. Ich habe Dir immer
gesagt, dass man ein Buch über Dich schreiben muss. Du musst zu ihm sprechen. –
Herr Raabe, er wird jetzt zu Ihnen sprechen.“



Unter der Decke bewegte sich etwas. Ich fand die Art, in der Rehfuß mich vorstellte, zum Kotzen. Aber ich brachte keinen Ton heraus. Gerner räusperte sich. Es klang, als müsste sich
seine Stimme mühsam den Weg nach draußen bahnen. Er hing schlaff in seinem
Rollstuhl und fixierte mich, ich weiß nicht, wie lange. Eine Ewigkeit.



Dann artikulierten seine Lippen zwei drei Worte. Ich hörte aber nur ein Geflüster. Die Konsistenz der Luft im Zimmer hatte sich verändert.


„Herr Raabe, ich möchte offen mit Ihnen sein: Den Journalisten nehme ich Ihnen nicht ab. Vergessen wir das. Die meisten Menschen kommen zu mir, weil sie ihr Leben ändern wollen. Ist es das? Also, was führt Sie zu uns? Erzählen Sie über sich selbst. Ich habe die
Erfahrung gemacht, dass ich mit denen, die mich hier besuchen, so am
schnellsten auf den Punkt komme.“



Ich fühlte mich wie ein ertappter Schüler. Ein kaltes Rinnsal von Schweiß lief mir den Rücken runter. Ich sagte mir, dass der Mensch verrückt sei, dass ich selbst verrückt wäre,
wenn ich mich durch den Krüppel dort im Rollstuhl beeindrucken ließe. Was
heißt, auf den Punkt kommen? Wer ich bin? Matthias Raabe. Mein Gott –
Privatdetektiv. Falsch, Rüschenberger hatte seinen Auftrag storniert.
Taxifahrer. Gewesen. Aber was bedeutete das schon? Was sollte die Frage
überhaupt? Ein abgebrochener Student der Philosophie? Meinetwegen. Überhaupt
hatte ich immer alles abgebrochen, was ich begonnen hatte. Nur meine Reise nach
Wehhagen nicht. Leider. Ich war auch mal verheiratet. Kurz. Ein Jahr lang mit
einer Kommilitonin. Wir hatten beide kein Geld. Ich weiß nicht, ob es daran
lag. Jedenfalls ging es nicht. Keine Geduld. Beide nicht. Ich hatte Freunde gehabt. Früher. Kollegen gehabt. Alle irgendwie verschwunden. Ich hatte Träume gehabt und Vorstellungen,
wahrscheinlich auch ein Ziel. Ziele. Alles weg. Versandet, irgendwann gemerkt,
dass es ohne ging. Nein, nicht gemerkt, gar nicht drüber nachgedacht. Alles
einfach den Bach runter. Ich weiß nicht, was ich der halben Leiche da über mich
erzählt habe. Ich war hier hergekommen, war sein Gast, er hatte ein Anrecht zu
hören, irgendwas. Auch über Rüschenberger, der mich auf die Suche geschickt
hatte.



Gerners Blick war vollkommen gleichmütig. Desinteressiert. Irgendwann hantierte er an seinem Rollstuhl und fuhr damit auf die Tür zu. Rehfuß sprang sofort hinter ihm her und hievte die Räderkiste samt Inhalt über die Schwelle. Vielleicht gab es im Haus einen
kleinen Aufzug. Ich hörte noch die halbe Nacht den Rollstuhl über meinen Kopf
hin- und herkurven.



Am nächsten Morgen brachte mir Rehfuß das Frühstück aufs Zimmer. Ich war irgendwann auf dem alten Sofa eingeschlafen und fühlte mich wie gerädert.


„Sehen Sie, das war es, was ich meinte. Es ist unheimlich, nicht wahr? Es hat den Blick. Er hat gesehen, dass mit Ihnen irgendwas nicht stimmt, dass Sie kein Journalist sind. Ich weiß
nicht, was falsch ist. Aber er sieht das sofort. Übrigens: Er leidet sehr unter
dem, was Sie ihm über sich erzählt haben. Ich darf Ihnen das sagen. Er hat die
ganze Nacht kein Auge zugemacht. ‚Diese Disharmonie’, wissen Sie. ‚Diese
Disharmonie’, sagte er, als ich ihn gestern Abend nach oben brachte. So etwas
quält ihn. Er wird sicherlich mit Ihnen noch darüber sprechen.“



Was habe ich denn erzählt? Ich wusste es nicht mehr. Ich wollte Rehfuß fragen, was er meinte. Aber er lächelte mich so verständnisvoll an, dass mir übel wurde. Ich hätte mich selbst treten
können und war entschlossen, noch im Laufe des Morgens abzureisen.


„Aber er, Gerner, hat doch die Disharmonie erzeugt.“

Verdammt, ich musste an Sylvi Bieger denken. Er war es doch, der diese Frau kaputt gemacht hatte. Und der junge Mann von Rüschenberger. Es gab Gründe anzunehmen, dass Gerner ihn in den Selbstmord getrieben hatte. Hier in Wehhagen, hier in diesem Haus. Und Kächler
mit seiner idiotischen Lauferei, Rose am Klavier, die unendliche
Mondscheinsonate. Noch ein paar Narren, Opfer der Gernerschen Harmonienlehre.
Ich hätte mein Leben schon auf die Reihe bekommen. Wenn er mir zugehört hätte.


„Er, er hat den Faden doch abgerissen, noch bevor ich seine Frage richtig beantwortet hatte. Er hat doch gar nicht zugehört. Wenn er sich nicht abgewendet hätte.“


„Sprechen Sie mit ihm. Er wird Ihnen helfen.“ Rehfuß machte die Tür hinter sich zu.


Gerner war es doch, von dem die Disharmonie ausging. Ich würde es ihm ins Gesicht sagen. Egal welche Folgen das für ihn haben würde. Das war der Grund, warum ich am Abend immer noch auf diesem alten Sofa saß. Ich war ein paar Mal an diesem Tag zwischen Sofa und
Fenster hin- und hergelaufen. Draußen regnete es immer noch. Ich wollte weg von
hier. Aber Gerner hatte ja angekündigt, dass er noch mit mir sprechen würde.
Ich würde ihm meine Meinung sagen.


Der Mensch über mir hatte endlich seine verrückte Rollstuhlradelei eingestellt. Diese ständige Unruhe über mir konnte einen bis an den Rand des Wahnsinns treiben. Ich war im Laufe des
Tages mehrmals so weit, um nach oben zu laufen. Ich wollte die Mumie aus dem
Fenster werfen. Ich lief in der Stube hin und her, um mir selbst zu beweisen,
dass ich noch beweglich war. Denn während ich auf dem Sofa saß, stieg immer
wieder diese scheußliche Angst in mir auf, gelähmt zu werden.


In meiner zweiten Nacht in Wehhagen hatte ich Alpträume, in denen vor allem das Moor eine Rolle spielte.


„Das Land besteht aus Wiesen und Moor,“ hatte Rehfuß gesagt, als er mich ins Haus führte. Ich träumte von Moorleichen, und dass ich selbst dabei war, im Moor zu versinken. Am Morgen war ich schweißgebadet.


„Glauben Sie, dass er heute Zeit für mich hat, dass ich heute mit Gerner sprechen kann? Sehen Sie, ich musszurück. Ich hatte eigentlich vor... ich muss ...“


„Sie müssen Geduld haben. Er ist sehr matt. Vor allem müssen Sie Geduld mit sich selbst haben. Wenn ich in seiner Nähe etwas gelernt habe, dann, dass niemand, auch er nicht helfen kann, wenn einer keine Geduld mit sich selbst hat. Es ist nicht der Arzt, der heilt.
Es ist die Wunde, die sich schließt und heilt. Sie heilt von selbst. Verstehen
Sie. Alles geht von Ihnen selbst aus. Er kann Ihnen nur sagen, wo der Punkt ist
... Ihr Punkt..., verstehen Sie: Ihr spezieller Punkt, von dem aus alles ins
Gleichgewicht zu bringen ist.“


Ich musste schon wieder an Rose denken, den blöden Pianisten, an Kächler, den Hechler, und ich spürte das taube Gefühl in den Beinen. Als ob ich bis zu den Hüften im Moor stecken würde. Bei Sylvi hatte er offenbar diesen speziellen Punkt nicht gefunden. Verdammt,
Gerner selbst war dieser wunde Punkt. Mir war völlig klar, dass ich hier weg
musste, und dass das Gefühl der Lähmung in meinen Beinen pure Einbildung ist.


Vor allem war ich nicht so blöd zu glauben, dass die Mumie über mir darunter litt, dass ich, also irgendein rein geschneiter Gast, aus meinem Leben nur Scheiße gemacht hatte. Was ging ihn das an? Ja, Scheiße, nichts als Scheiße. Ich hatte immerhin tagelang Zeit
gehabt, über diesen Kaugummi Leben nachzudenken, den ich nun schon über dreißig
Jahre durchgekaut und langgezogen habe. Mir war Tag und Nacht nur noch speiübel und nicht mehr bloß bei dem Gedanken an Rehfuß, der mir nun schon seit über einer Woche das Frühstück brachte. Und nicht nur bei dem Gedanken an Rose oder Kächler. Wenn ich an mich
selbst dachte. Scheiße, mein Leben. Scheiße, ich selbst. Während ich auf dem Sofa lag, rollte mich da oben eine Etage über mir der Rollstuhl mürbe. Hin und her, Hin und her. Gerner hatte
gesiegt, hatte hin- und her, hin- und herfahrend, ohne mich mit einem einzigen
Finger zu berühren, Hackfleisch aus mir gemacht. Ich war soweit, dass er meine
Seele zu einem Hackbällchen rollen konnte. Er hatte gesiegt. Oder besser: Er
hätte gesiegt. Wenn nicht ...




Mit dem Leben davon gekommen


„... Und hier – wenn ich kurz vorstellen darf. Herr Raabe studiert Philosophie und ist zur Zeit zu einem Seminar hier bei uns in Wehhaben zu einer Art Privatissime bei Herrn Gerner.“ Hinter ihm standen zwei Polizisten in der Tür, die Rehfuß weit aufhielt.


„Herr Raabe, ich zeige gerade Herrn Bekker und Herrn Finkbeiner unser Haus. Die Herren sind von der Polizei und möchten nachher auch mit Ihnen ein Wort sprechen. Zuerst haben wir aber
jetzt einen Termin mit Andreas. Sie haben noch ein bisschen Geduld, nicht wahr?“



Es waren diese beiden Polizisten, die mich wieder zu mir selbst brachten. Ihr Besuch hatte mit dem Selbstmord von Rüschenbergers Mitarbeiter zu tun. Man hatte offenbar Gerner nur
ein paar Fragen gestellt über den Inhalt der damaligen Seminare und Übungen, an
denen der junge Mann teilgenommen hatte. Erinnerte sich Gerner an irgendwelche
Auffälligkeiten? Hatte Gerner Notizen gemacht, die man einsehen könnte? Vom
Verdacht einer Mitschuld schien man weit entfernt zu sein. Herr Bekker und Herr
Finkbeiner hatten sich beim Anblick Gerners schnell überzeugt, dass Gerner
schwer krank war und gewiss keine Kraft mehr hatte, auf Menschen intensiv
einzuwirken. Ich bestätigte dies später im Gespräch mit den beiden ohne jede
Einschränkung und lobte Gerners Behausung wegen der Abgeschiedenheit und
Stille.


„Ein idealer Ort zur Besinnung,“ lobte auch Finkbeiner meinen Aufenthalt.
„Manchmal möchte man doch einfach seinen ganzen Krempel, seinen Job, an
den Nagel hängen. Irgendwo ein bisschen sitzen und denken. Sitzen und denken.
Ein bisschen Philosophie. Und die Berufsscheiße vergessen, entschuldigen Sie,
wenn ich das so sage.“


Ich bat die beiden Polizisten, mich in ihrem Wagen nachher mit zum Bahnhof nach Wehhagen mitzunehmen. Als ich am frühen Abend endlich wieder im Zug saß, merkte ich, dass mir jegliches Zeitgefühl abhanden gekommen war. Die Taubheit in meinen Beinen glaubte ich
immer noch zu spüren. Wehhagen lag da schon eine gute Stunde hinter mir. Ich
lauschte auf das Fahrgeräusch des Zuges, hörte den Mann mit dem Getränkewagen.
Sah, wie er mir das Bier in einen Plastikbecher einfüllte. Ich suchte in meinem
Portemonnai nach Münzen. War in Sicherheit. Wehhagen war schon weit weg, war
wo anders.



Als ich den Becher zum zweiten Mal an den Mund hob, hatte ich plötzlich das Gefühl, an einem Haken zu hängen. Ein Angelhaken an einer endlos langen Schnur. Gerner hatte mir nichts getan. Er war ja nur noch ein Nichts auf Rädern. Und doch war meine Abreise aus Wehhagen – natürlich wusste ich das – eine Flucht. Vor wem eigentlich? Ich schloss die
Augen.


„Mit dem Leben davon gekommen.“


Aber mit was für einem Leben? Solange ich mich kenne, haben mich
Bahnfahrten, die Fahrgeräusche im Zug immer in kürzester Zeit
eingeschläfert. Während ich jetzt Richtung Süden rollte, konnte ich nicht
einschlafen. Ich weiß nicht, warum ich aufgeregt war.






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